Autobahnangst und Panikattacken am Steuer: Wie man den Weg zurückfindet
Ein mulmiges Gefühl im Magen, feuchte Hände am Lenkrad und ein Herz, das bis zum Hals rast: Für einige ist die Autobahn kein Ort der Fortbewegung mehr, sondern ein Ort der nackten Angst.
Der erste Schritt zurück auf die Autobahn trotz Angst
Im Jahr 2025 kontaktierte mich eine ehemalige Schülerin. Ihr Leben war seit einem Jahr durch eine plötzlich aufgetretene Panikstörung eingeschränkt; die Autobahn war für sie zu einer unüberwindbaren Mauer geworden. Wir beschlossen, uns dieser Angst gemeinsam zu stellen und machten uns auf eine längere Reise. Schon in der ersten Stunde zeigte sich die Macht der Panik. Bevor wir überhaupt losfahren konnten, musste sie sich rasch entschuldigen – der Körper reagierte mit Fluchtreflexen, die sich in akutem Harndrang äusserten. Es ist die pure Erleichterung des Körpers, der auf «Gefahr» schaltet.
Exkursion: Die drei Modi der Angst
In der Psychologie werden Reaktionen auf akute Bedrohung, wie sie etwa bei einer Panikattacke auftreten können, häufig mit den drei Modi Flight, Fight und Freeze beschrieben.
Die Angst, die Kontrolle zu verlieren
Beim zweiten Mal lief es schon besser. Wir konnten die Fahrt diesmal ohne Unterbruch durchziehen. Ein kleines, aber wichtiges Zeichen. Die Anspannung war noch da, aber sie hatte nicht mehr die gleiche Macht wie beim ersten Mal. Ich zeigte ihr die Fahrassistenten: Spurhalteassistent, Abstandssystem – all diese «Helfer». Doch für sie waren sie alles andere als beruhigend. Im Gegenteil. Es fühlte sich für sie an, als würde ihr jemand ins Lenkrad greifen, Entscheidungen übernehmen, ihr die totale Kontrolle entziehen. Was dahintersteckte, war weniger die Technik selbst als ein bekanntes Muster: Bei Panikstörungen gehört die Angst vor Kontrollverlust zu den zentralen Empfindungen. Genau dieses Gefühl wurde hier spürbar, nicht rational, sondern unmittelbar.
Ich hörte einen Moment nichts mehr. Nach einigen Monaten kam dann wieder eine Nachricht: «Hallo Christoph, hier dein Albtraum. Wir müssen wieder fahren.» Ich musste schmunzeln. Nicht, weil sie ein Albtraum war – ganz im Gegenteil. Solche Nachrichten sind mir die liebsten. Sie zeigen: Da gibt jemand nicht auf. Da ist jemand ehrlich genug, zurückzukommen, statt sich still zurückzuziehen.
Zurück auf die Autobahn: Der Moment der Veränderung
Wir fuhren wieder los. «Lass uns Richtung St. Margrethen fahren», sagte ich. Und sie fuhr. Ich zeigte ihr nochmals die Fahrassistenten. Diesmal war etwas anders. Kein Widerstand, kein sofortiges Zurückzucken. Stattdessen ein kurzes Innehalten und dann sagte sie: «Das ist ja eine echte Abhilfe. Wow.»
Im gleichen Moment schaute sie zu mir und fragte: «Merkst du was? Ich denke anders.»
Und genau das war der Moment. Kein grosses Ereignis, kein Drama. Nur ein leiser Perspektivwechsel, aber einer, der alles verändert. Als die Stunde vorüber war, fragte ich sie, ob sie es demnächst einmal alleine versuchen möchte. «Ja, klar», sagte sie. Ich war mir nicht sicher, ob sie es tatsächlich wagen würde. Zwei Tage später kam das Video. Sie fuhr auf der Autobahn der Sonne entgegen. Grossartig.
Als ich sie fragte, ob es eine Reaktion gab, schrieb sie zurück: «Nichts.»
Wenn ich heute, nach fast 20 Jahren Berufserfahrung, auf diese Begegnung zurückblicke, bleibt mir diese Frau in Erinnerung. Sie war 21, als sie das erste Mal bei mir im Auto sass, heute ist sie 39, selbst bestimmt, klar und gefestigt. Was sie erreicht hat, ist kein Zufall. Sie hat in sich selbst investiert: durch Selbstreflexion, psychologische Begleitung und sogar Hypnose. Vor allem aber durch die Entscheidung, sich nicht von der Angst bestimmen zu lassen. Sie ist für mich der beste Beweis dafür, dass Ängste nicht grösser werden, wenn man auf sie zugeht, sondern kleiner.
Wenn du ähnliche Ängste oder Unsicherheiten beim Autofahren erlebst, begleite ich dich gerne dabei, Schritt für Schritt wieder Vertrauen zu fassen. Damit auch du eines Tages einfach losfahren kannst.
Face your fear!
Statement meiner Schülerin:
Ich hätte nie gedacht, dass ein Mensch fähig ist, so etwas Verstörendes wie eine Panikattacke zu erleben. Die letzten zwei Jahre waren für mich enorm kräftezehrend. Phasenweise war ich schlicht verzweifelt. Fast ein Jahr lang bin ich kein Auto mehr gefahren – von Autobahn ganz zu schweigen. Immer wieder stellte ich mir die gleiche Frage: Wie kann es sein, dass ich etwas nicht mehr kann, was früher ganz selbstverständlich war? Wie konnte ich jemals Motorrad fahren? Es erschien mir plötzlich völlig unvorstellbar.
In dieser Zeit habe ich wohl nichts unversucht gelassen, um mir selbst zu helfen. Heute habe ich das Gefühl, einen ganzen Koffer voller Werkzeuge zu besitzen, um mich zu regulieren, falls es wieder dazu kommt. Ich habe gelernt, Panikattacken als das zu verstehen, was sie sind: ein Alarmsystem. So belastend sie auch sind, ohne dieses System wären die Folgen womöglich noch drastischer.
Mein Rat: Wenn du merkst, dass sich eine Panikstörung entwickelt, such dir so früh wie möglich Unterstützung. Menschen sind für Menschen da. Je mehr Zeit vergeht, desto stärker verfestigen sich ungewollte Vermeidungsstrategien. Und plötzlich begegnet man Ängsten, von denen man nicht einmal wusste, dass sie existieren. Ich habe mir ärztliche Hilfe geholt und mich psychologisch begleiten lassen. Atemübungen waren ebenfalls sehr hilfreich für mich: drei Sekunden einatmen, vier Sekunden halten, fünf Sekunden ausatmen. Nimm dir die Zeit. Nichts ist wichtiger als dein eigenes Wohlbefinden und erwarte nicht, dass dich irgendjemand versteht. Niemand kann nachvollziehen, wie sich das anfühlt, wenn er es nicht selbst erlebt hat.
Christoph war für mich in dieser Zeit eine enorme Bereicherung und ein verlässlicher Begleiter. Seine ruhige, ausgeglichene Art und seine Haltung – als wäre alles so, wie es sein soll – haben mir viel Kraft und Vertrauen gegeben. Ich bin ihm unendlich dankbar für seine Geduld, seine Ausdauer und seine Empathie.
Christoph hat sich übrigens nicht verändert:
«Halt deinen Abstand zum Auto vor dir.»
«Ach komm, das hast du schon vor 20 Jahren gemacht. Hör doch auf.»
«Hör doch du auf. Du erhöhst nur unnötig deinen Stresslevel. Als hättest du etwas davon, wenn du dem Vordermann am Heck klebst.»
Einordnung
Die «Swiss Corona Stress Study» der Universität Basel hat gezeigt, dass der psychische Druck während der Pandemie massiv zugenommen hat. Laut der Untersuchung verdoppelte sich der Anteil der Menschen mit schwerem Stress von 11 % im April auf 20 % im November 2020. Auch schwere depressive Symptome, die oft Hand in Hand mit Angstgefühlen gehen, stiegen von 3 % vor der Krise auf 18 % an. Als Haupttreiber für diese Entwicklung identifizierten die Forscher Zukunftsängste, finanzielle Sorgen und soziale Isolation.
Im Touring Magazin des TCS bestätigt eine Psychologin und Fahrlehrerin, dass Panikattacken am Steuer vor allem Menschen treffen, die mit grossem Stress belastet sind und bei denen sich die aufgestaute Überlastung als physiologische Stressreaktion entlädt.
